Autor: Volkhard Schroth, veröffentlicht in der OPTOMETRIE, 4. Quartal 1999,
Bestellungen des Originals bitte an mich sendenZusammenfassungIn der LEGAMU - Studie soll untersucht werden, wie sich die Leseleistung von
Legasthenikern verändert, wenn eine vorhandene Fehlsichtigkeit nach verschiedenen Methoden korrigiert wird.
Speziell wird die Frage behandelt, ob sich Fortschritte beim Lesen unterscheiden, wenn entweder eine Prismenbrille nach MKH (Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase) oder die
herkömmliche (rein refraktive) Brillenkorrektion verordnet wird.
Die LEGAMU - Studie ist multizentrisch in verschiedenen Städten der Schweiz, Österreichs
und Deutschlands geplant und wurde als Pilotprojekt in Freiburg durchgeführt. Hier nahmen acht Kinder aus der dritten Klasse einer Freiburger Grundschule teil, wo sie wegen ihrer
starken Lese-Rechtschreibprobleme in speziellen Legastheniker-Klassen gefördert werden.
Nach Zufallsauswahl bekamen vier Kinder ihre binokulare Vollkorrektion nach MKH (Prismenfall), vier Kinder wurden refraktiv korrigiert (Kontrollfall).
Das Vorhandensein ein Winkelfehlsichtigkeit war Voraussetzung zu Teilnahme an der Studie
und alle Kinder entsprachen diesem Kriterium. Sechs der acht Kinder erfüllten die weiteren strengen Aufnahmekriterien. Vor Studienbeginn und danach in regelmäßigen Abständen
wurde als Erfolgskontrolle die Lesegeschwindigkeit mit einem speziell entwickelten Lesetest überprüft. Zeitnah wurden die Korrektionswerte überprüft und ggf. neu verordnet.Ergebnisse:
Aufgrund der kleinen Gruppe sind keine repräsentativen Aussagen möglich, sondern nur die Beobachtung von Einzelfällen. Dennoch ist bemerkenswert, dass im Lesetests alle drei
Kinder mit Prismenkorrektion nach MKH, die den Aufnahmekriterien der Studie entsprachen, teils sehr große Fortschritte zeigten, während bei den Kontrollfällen nur ein Kind besser
wurde. Am besten entwickelte sich das Kind, das im Lesetest vor Beginn am schlechtesten war. Bereits vier Wochen nach der ersten Prismenkorrektion seiner Eso-Winkelfehlsichtigkeit
(verborgene Einwärts-Fehlstellung) hatten sich die Zeiten nahezu verdoppelt. Dies kann nur aufgrund der spezifischen Effekte der Prismen erklärt werden, denn eine Korrektion von Kurz-
oder Weitsichtigkeit oder von Hornhautverkrümmung war bei diesem Kind nicht notwendig.
Die gelegentlich ausgeprochene Warnung vor Prismenbrillen lässt sich angesichts der hier bestätigten Praxis-Erfolge nicht aufrecht erhalten. Wie sich auch in der
weiter unten gezeigten Stärkenverteilung klar wird, sind hohe Prismenwerte sehr selten zu finden (maximal in 3-5% aller Korrektionen).
Somit überwiegt der Nutzen
in der großen Mehrzahl aller Fälle!
Abb. 1: Lesezeiten vor Beginn der Studie
Die vier verschiedenfarbigen Säulen stehen für jeweils verschieden schwierige Lesetexte, die jedes Kind vor Studienbeginn lesen sollte. Je höher die Säule, desto mehr Sekunden hat
ein Kind zum Lesen benötigt. Links sind die vier Prismenfälle, rechts die vier Kontrollfälle zu finden. Das langsamste Kind hat ca. 600 Sekunden für einen Text gebraucht, der sonst im
Durchschnitt in 100 Sekunden gelesen wird.
Abb. 2 Lesezeiten nach 1 Monat
Deutliche Verbesserungen bei den ersten beiden Kindern der Prismengruppe.
Abb. 3
Lesezeiten nach 12 Monaten
Weitere Verbesserungen bei den ersten beiden Kindern mit Prismenbrille auf das Durchschnittsnieveau. Leichte Verbesserung der ersten beiden Kinder aus der
Kontrollgruppe. Bei den letzten beiden Kindern der Kontrollgruppe sind die Zeiten sogar schlechter, als zu Beginn der Studie.